Autorenlesung der VHS Denkendorf in Kooperation mit der Bücherei Denkendorf am 16.10.2009 im D-Punkt am Rathaus
Ein Rückblick von Michael Klein
Vor einigen Wochen erhielt ich eine Email von einem Mann, der mich bat, sein Buch über seine Erlebnisse als Herzkind auf unserer Homepage (www.elhke.de) vorzustellen. Der freundliche Stil, in der die Mail abgefasst war, und das Thema weckten mein Interesse. Ich besorgte mir das Buch und einmal angefangen, las ich es noch am selben Abend bis zum Ende durch. Ich hatte dabei den Eindruck, daß hier ein Mensch schreibt, der (nicht nur) Herzkindern etwas zu sagen hatte. Das fand ich spannend. Nach mehreren Telefonaten stand auch der Termin für seine erste Autorenlesung fest und so fuhr ich vergangenen Freitag abend nach Denkendorf. Günter Schönberger beeindruckte mich an diesem Abend in mehrfacher Hinsicht.
Die etwa 70 Gäste wurden von Frau Kirchner, der Leiterin der Bücherei Denkendorf begrüsst und gekonnt ins Thema eingeführt. Herr Schönberger hatte inzwischen vorne an einem Tisch Platz genommen, der mit Schreibtischleuchte und Mikrofon ausgestattet war. Im übrigen Raum war das Licht gedämpft und machte es leicht, der ruhigen und ausgeglichenen Stimme Herrn Schönbergers zu folgen und aufmerksam zuzuhören.

Als Einstieg wählte er Auszüge aus einen Arztbrief vom 13.11.1959, welchen ein Arzt der Medizinischen Universitäts-Klinik in Tübingen nach der Operation für den Hausarzt von Herrn Schönberger geschrieben hatte. Die Prognose damals war ausserordentlich schlecht, zumal die Operation im eigentlichen Sinne nicht geklappt hatte.
Herr Schönberger erzählt ausführlich, wie das damals war, als er in die Klinik kam und er dort dann drei Wochen alleine verbringen musste. Die Erinnerung daran scheint nicht verblasst und es ist spannend zuzuhören, wie der Klinikalltag vor 50 Jahren aussah. Ein Schlafsaal mit 20 Betten und Günter allein unter Erwachsenen. Eine Nacht verbrachte der Junge sogar wegen Platzmangel in der nicht genutzten Badewanne im Schlafsaal. Mit einer Postkarte informiert er seine Eltern kurz vor der Operation , daß sie zur Unterschrift vorbei kommen sollten, weil dies ein neues Gesetz wäre.
Für Günter war nur wichtig, körperlich belastbarer zu werden und nicht mehr immer und überhall hintendran zu bleiben, blickt Herr Schönberger in seiner Erinnerung zurück. Ohne Operation war sein Leben nichts (mehr) wert und mit Operation hatte er zumindest die Chance, dass es ihm hinterher besser ginge. Aus dem Wunsch heraus, ein “normales Leben” wie seine Mitschüler zu führen, ist das tiefe Verlangen zur Operation entstanden und mit aller Kraft arbeitet der Junge daran, Mutter und Hausarzt von der Operation zu überzeugen. Der Mut und die Kraft, dies alleine, bzw. mit fremden Erwachsenen durchzustehen, waren dann einfach auch da.

Herr Schönberger trug an diesem Abend noch etliche Passagen aus seinem Buch vor, die er teilweise mit Erinnerungen ergänzte, in die auch anwesende Personen mit einbezogen wurden. So erinnerte er sich an die gemeinsamen Handballspiele und seine Zeit als Torwart (“der musste nicht über den Platz rennen”).
Er berichtet u.a. auch von einem mehrwöchigen Erholungsaufenthalt in Krauchenwies bei Sigmaringen, der ihm in besonders guter Erinnerung geblieben war. Beim Zuhören wird deutlich, wie wichtig und gut diese Erfahrungen auch für die seelische Entwicklung des Jungen waren. Zwischendurch entstand für die Zuhörer manchmal der Eindruck, als säße gerade der 13-jährige Junge vorne am Tisch und berichte aktuell über seine Erlebnisse.

In der anschließenden Fragerunde ging Herr Schönberger auf Fragen des Publikums ein und mich interessierte z.B., wie er das als Junge von 13 Jahren, alleine ohne Eltern, in Tübingen überhaupt ausgehalten habe, ohne grösseren seelischen Schaden zu nehmen. Herr Schönberger erklärte, “daß es damals eben so war”. Er hätte auch viel von den Erwachsenen gelernt und in einem Arzt und einer Krankenschwester die optimale Begleitung durch diese schwierige Zeit gehabt, weil diese “immer für ihn da waren”.

Zwischen den Zeilen und im Buch teilweise direkt angesprochen, kommt die “schwierige” Beziehung zur Mutter zum Ausdruck. Von einer Zuhörerin darauf angesprochen, findet Herr Schönberger klare Worte, welche eine strenge und geschäftstüchtige Mutter skizzieren und es wird auch spürbar, daß seine Kindheit nicht einfach war. Und doch – spricht er darüber ohne Grahm oder Zorn auf seine Mutter. Mich beeindruckt die sachliche Klarheit, mit der Herr Schönberger die Beziehung zu seiner Mutter schildert und daß trotzdem Wertschätzung und Wärme in seinem Worten liegen.
Es tut gut, Menschen wie Günter Schönberger zu begegnen. Mit seinem Buch und der heutigen Lesung gab Herr Schönberger Einblicke in “seinen ganz persönlichen” Weg, der anderen Menschen Mut machen kann, das eigene Leben trotz widriger Umstände “in die Hand zu nehmen” und mit Vertrauen, und Zuversicht zu leben und zu genießen. Ich denke dabei nicht nur an die vielen Kinder und Jugendlichen mit angeborenem Herzfehler.

Meine eigenen Erlebnisse als Vater und die Erinnerungen an die ersten Lebensjahre meines jüngsten Sohnes, der mit komplexem Herzfehler (HLHS) mehrfach u.a. mit Herz-Lungen-Maschine operiert wurde, kommen mir während der Lesung öfters in den Sinn. Ich bin dankbar und froh über die Fortschritte in der modernen Hochleistungsmedizin. Ich bin dankbar dafür, daß wir heute unsere Kinder nahezu rund um die Uhr auf Station begleiten können und sie nicht alleine hinter irgend einer Glastüre verschwinden um dann vielleicht, oder vielleicht auch nicht, nach 3 oder 4 Wochen dort wieder herauskommen.
Ich denke über die Beschreibungen der Krankenhaussituation von Herrn Schönberger nach, wie das vor 50 Jahren war und erinnere mich an einen Vortrag von Prof. Dr. Jürgen Apitz, der die Kinderkardiologie in Tübingen in über 30 Jahren unermüdlicher Arbeit aufgebaut und zu dem gemacht hat, was sie heute ist. Davor gab es sie noch nicht – und mir wird noch mehr deutlich, unter welchen Bedingungen die Ärzte vor über 50 Jahren am Herzen von Günter Schönberger operiert hatten.
An diesem Abend denke ich auch drüber nach, wie das heute in 2009 mit dem Pflegenotstand ist und daß Hochleistungsmedizin und die Menschen, die damit arbeiten, angemessen bezahlt werden müssen.
Es gibt noch viel zu tun, aber es lohnt sich!
Herzlichen Dank Herr Schönberger!
Ihre Geschichte macht Mut auch und gerade in der heutigen Zeit.

Rückwärts gegen den Wind
Taschenbuch: 96 Seiten
Verlag: Books on Demand; Auflage: 1 (11. März 2009)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3837038688
ISBN-13: 978-3837038682
Preis: EUR 6,90
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Herzlichen Glückwunsch der Uniklinik Tübingen!
Das Zertifizierungsverfahren ist abgeschlossen. Seit 20. März 2012 ist die Tübinger Klinik als überregionales EMAH-Zentrum anerkannt. [weiter…]